Impuls zum 27. Sonntag im Jahreskreis A am 04.10.2026 (Erntedank)
Am Strand von Paris in Le Touquet gibt es eine berühmte Creperie. Die liegt in der Rue Saint Jean. Da drängeln sich die Leute in langen Schlangen und bestellen sich die Köstlichkeiten aus dünnem Teig und mit diversem Belag. Das Angebot der Speisekarte bedient jeden Geschmack. Die sehr vornehme Kundschaft gibt sich dort als solche nicht zu erkennen und wartet geduldig, bis es soweit ist. An mehreren Eisen werden dann von meisterlicher Hand die gewünschten Crepes zubereitet. Um die passende Form zu erreichen, wirbelt der Crêpière die ausgewählte Backware wie einen Diskus durch die Luft. Dann wird sie angebacken und mit einem besonderen Wender umgedreht. Das alles vollzieht sich in einem rasenden Tempo. Dieses Schauspiel und die gekonnte Schnelligkeit sorgen für erträgliche Wartezeit.
An einem Morgen schlendert ein Mann daher und kommt gerade dort vorbei. Es ist noch früh. Er ist der einzige Kunde. In dem Verkaufsfester erscheint ein freundliches Gesicht und fragt nach dem Wunsch. Der Mann bestellt und hält kurz darauf das Gewünschte in seiner Hand. Auf die Frage nach der Rechnung erhält er eine außergewöhnliche Antwort. Er wurde von dem Besitzer dieser Goldgrube persönlich bedient. Der hatte von Anfang an für jeden Morgen etwas wie einen Ritus. Persönlich begrüßte er den ersten Kunden oder die erste Kundin und verzichtete jeweils auf die Bezahlung. Die erste Crepe ist umsonst. Das ist sein Dank an Gott. Das erste Backwerk ist für Gott. Und in jedem ersten Gast erkennt er Gott. Das war immer so und soll auch so bleiben.
Nachdenklich ging der Mann davon und hielt seine Gottesgabe in den Händen. Dort auf der Rue Saint Jean wurde ihm der Wert aller Speisen und aller Möglichkeiten bewusst. Diese kostenlose Crepe hatte Gott ins Spiel gebracht. Ganz einfach war er da und verschenkte seinen Geist. In diesem Geist sah der Mann alles mit neuen Augen und aus einer göttlichen Sichtweise. Die nächste Mahlzeit begann er mit einem Gebet. Leise und ganz bei sich. Es war kein öffentliches Bekenntnis, sondern ein tiefer Dank für alles. Die gewöhnlichen Dinge zu allen Tageszeiten erschienen ihm wie bei einem Blick in eine göttliche Schatzkammer.
Von diesem Erlebnis in Le Touquet an änderte sich sein Leben. Er hatte alles Notwendige zum Leben und sogar im Überfluss. Er konnte nach freiem Belieben bestellen und verzehren, wonach ihm der Sinn stand. In Gedanken sah er, wie Gott ihm alles persönlich anvertraute, so wie dieser Herr in der Creperie. Es war nicht alles nur für ihn. Es war nichts mehr selbstverständlich. Von da an konnte er danken, ohne auch nur eine Sekunde zu verlieren. Von da an konnte er teilen, ohne zu verarmen. Von da an nahm er voller Dank Gottes Geist an als Berater für sein Leben. So begann für ihn eine Neuentdeckungsreise durch seine eigene Geschichte bis zu seiner Gegenwart, die nun für ihn mit Gott zu einer dankerfüllten Zukunft werden sollte.
Jürgen Kuhn

