„Wie oft muss ich meinem Bruder vergeben? Siebenmal?“ (Mt 18,21-35)
Gedanken zum 24. Sonntag im Jahreskreis
Liebe Leserin, lieber Leser,
gibt es bei Ihnen sogenannte „rote Linien“? Wann reißt Ihnen der Geduldsfaden? Wo ist bei Ihnen die Toleranzgrenze erreicht?
Vermutlich hängt das stark von der Situation ab. Engsten Familienangehörigen und Freunden gegenüber ist unsere Toleranz sicher größer als bei Fremden. Bei Dingen, die uns wichtig sind, haben wir vermutlich mehr Geduld. Und in Grundsatzfragen sind die roten Linien sicher klarer definiert – wie zum Beispiel bei physischer und verbaler Gewalt, bei Rassismus oder Ungerechtigkeit. Wenn diese Grenzen überschritten werden, sprechen wir davon, dass das, was wir erlebt haben, unverzeihlich ist. Es gibt nun einmal Dinge, die wollen und müssen wir nicht hinnehmen. Es gibt Ereignisse, die dürfen nicht folgenlos bleiben, die müssen Konsequenzen nach sich ziehen. Irgendwann ist Schluss, da helfen auch keine Diskussionen. Wir müssen Grenzen setzen und diese auch durchsetzen.
Wie gehen wir dann damit um, dass Jesus heute von uns fordert, die Grenze des Unverzeihlichen schier endlos auszudehnen? Petrus fragt, wie oft er vergeben müsse, und sein Vorschlag von siebenmal ist schon sehr großzügig. Jesus antwortet ihm, dass siebenmal noch lange nicht genug seien, er müsse siebzigmal siebenmal verzeihen.
Wie soll das denn gehen? Sollen wir etwa allen Parolenbrüllern und Lügenverbreitern Verständnis entgegenbringen? Sollen wir etwa die ganze Aggression und Gewalt in unserer Umgebung und auf der Welt einfach hinnehmen und sagen: „Das ist sicher nicht so böse gemeint“? Sollen wir den zunehmenden Rassismus und die Entwürdigung der Menschen kommentarlos stehen lassen und sagen: „Es wird schon nicht so schlimm sein“? Sollen wir die zunehmende Verrohung unseres Alltags unhinterfragt geschehen lassen, weil schließlich jeder/jede für sich selbst verantwortlich ist? Das kann es doch nicht sein! Das darf nicht sein!
Liebe Leserin, lieber Leser, Sie treffen den Autor dieser Zeilen heute ratlos an. Er meint, dass es gerade heute und gerade als Christin und Christ notwendig ist, Grenzen aufzuzeigen und Zeichen des Widerstandes zu setzen. Es wird gerade heute so viel gesagt und getan, worauf eine entschiedene Antwort aus dem christlichen Verständnis heraus gegeben werden muss. Es sind so viele rote Linien überschritten worden, die man nicht mehr mit Verständnis oder Großzügigkeit hinnehmen kann. Es ist gerade heute so notwendig, klar zu benennen, dass bestimmte Dinge, Entscheidungen und Taten unverzeihlich sind.
Und doch ist da die Aufforderung Jesu zum grenzenlosen Verzeihen. Wie soll das zusammengehen?
Liebe Leserin, lieber Leser, vielleicht haben Sie eine Idee.
Ihnen und allen, die Ihnen am Herzen liegen, wünsche ich einen gesegneten Sonntag.
Ihr Winfried Rottenecker, Diakon

