14. Sonntag im Jahreskreis (Mt 11,25-30)

14. Sonntag im Jahreskreis (Mt 11,25-30)

„Nehmt mein Joch auf euch“ – damit meinte Jesu sicherlich nicht, dass wir ihn huckepack nehmen sollen, sozusagen „Nehmt mich auf euch“. Was könnte er dann damit gemeint haben?

Jede und jeder von uns hat ein kleines Joch: im Gesicht. Das Jochbein verbindet den oberen Teil des Gesichts mit dem seitlichen Schädel. Es ist Ansatzpunkt für viele Muskeln und verantwortlich für Mimik und Kaubewegungen. Es stabilisiert das Gesicht und schützt z. B. die Augenhöhlen und die Nervenbahnen.

Dieses Joch ist etwas, das zwischen zwei Sachen ist, sie verbindet, etwas Feineres schützt jedem und jeder sein eigenes Gepräge gibt. So gesehen könnte man auch ein Hörgerät, eine Brille als ein „Joch“ bezeichnen. Durch das Aufsetzen einer Brilleverändert sich die Sichtweise, mit der ich auf die Welt schaue.

Weitergedacht könnte das ein Zugang zu Jesu Aussage sein, sein „Joch“, also seine Sicht auf sich zu nehmen. Wie sieht er mich, die Menschen, die Situationen, seinen Gott?

Welche Haltung prägt ihn und was davon soll und kann ich übernehmen, „auf mich nehmen“, wie es in der Bibelstelle heißt und wozu Jesus die Menschen auffordert?

Menschen übernehmen etwas automatisch: durch die Familie, in der sie großwerden, durch die Atmosphäre, in der sie leben und arbeiten, durch das Zusammensein mit Freund:innen und Kolleg:innen. Sie können aber auch etwas ganz bewußt übernehmen, das sie überzeugt, aus rationaler Überzeugung oder aus gewonnenen Erfahrungen, und es mit Willens- und Entscheidungskraft einüben, bis es Teil ihrer selbst geworden ist.

„Nehmt mein Joch auf euch“ meint vielleicht so etwas wie „Übernimm meine Sicht auf dich selbst, auf die Anderen, auf die Gesellschaft, auf unseren Gott!“

Das Evangelium ist für mich, dieser Satz Jesu gilt genau mir. Wie bekomme ich heraus, was ich von diesem Jesus übernehmen soll? „Nimm mein Joch auf dich!“ – zu welcher Seite von Jesu Haltungen werde ich heute eingeladen? Was spricht mich an, was löst Widerstand aus, was gibt meine persönliche Lebenssituation gerade her an Herausforderung zum Wachsen und Reifen? Wachsen und reifen im Geiste Jesu – dafür braucht es das eine oder andere Mal auch eine Aktivität im Sinne von „Nimm es auf dich! Pack´s an! Trau dich! Mach´ einen Schritt!“

Jesu Verheißung ist eindeutig: alles in seinem Leben kündete davon, dass er unser Leben heller und lichter machen wollte. Das gilt auch für diesen Satz „Übernimm mein Joch!“.

So individuell wie ein Jochbein ist, so individuell ist auch unser je eigener Zugang zu Jesus und zu Gott. So wie das Jochbein jedem und jeder sein persönliches Aussehen verleiht, so wird auch das Einüben einer bestimmten Haltung von Jesus mich formen und Ausdruck meiner persönlichen Beziehung zu Gott werden.

Elisabeth Kämmerling

Bild: Rembrandt, Portrait, Ausschnitt